đŸ‡©đŸ‡Ș Ein Jahr in CsĂ­kszereda

Wenn ich hier sitze und mal einen Moment fĂŒr mich habe, denke ich manchmal darĂŒber nach, wie ich vor knapp einem Jahr hier ankam und erstmal etwas planlos am Bahnhof in CsĂ­kszereda rumstand, noch ohne so genau zu wissen, was da eigentlich alles auf mich zukommen und vor mir liegen wĂŒrde.

Wenn ich dann daran denke, was seitdem alles passiert ist und wo ich mittlerweile bin, fĂ€llt es mir gar nicht so leicht, das Ganze zu greifen und irgendwie in Worte zu fassen. Deshalb merke ich, dass die Aufgabe, einen Text ĂŒber meine Zeit hier zu schreiben, gar nicht so leicht ist, wie man im ersten Moment meinen könnte – ganz einfach, weil so viel passiert ist und es nicht so einfach ist, irgendwo einen Anfang zu finden fĂŒr das, was man eigentlich erzĂ€hlen möchte. Wenn man ganz nĂŒchtern an die Sache rangeht, macht es meiner Meinung nach aber wohl Sinn, einfach ĂŒber meine Arbeit und die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, zu schreiben:

So habe ich die letzten knapp 12 Monate bei der Caritas im Szent Agoston Zentrum fĂŒr Menschen mit Behinderung verbracht und versucht, mich dort einzubringen und die Menschen zu unterstĂŒtzen so gut ich eben kann. Ich schreibe bewusst, dass ich es „versucht“ habe, weil ich mich hier mit Sicherheit nicht hinstellen möchte, um vorzugeben, dass ich super viel Ahnung und Erfahrung damit hĂ€tte, was ich hier eigentlich mache. Ich bin weder darin ausgebildet noch habe ich irgendein Studium absolviert, was irgendetwas hiermit zu tun hĂ€tte, genauso wenig habe ich in meinem persönlichen Umfeld jemals Kontakt mit Menschen mit Behinderung gehabt – ich habe lediglich meine Schule abgeschlossen und wollte gerne ausprobieren, wie es ist, mit Menschen zu arbeiten. Alles, was ich dafĂŒr an FĂ€higkeiten mitbringen konnte, waren meine ausgeprĂ€gte Gelassenheit in fast allen Situationen und viel Geduld. Mit diesen Voraussetzungen hier einzusteigen, war erstmal sehr spannend fĂŒr mich, weil ich ja nun mal keinen Schimmer hatte, was genau eigentlich passieren wird und ob es so klappen wird, wie ich es mir erhofft hatte. Aber es hat nicht lange gedauert, um festzustellen, dass diese Art von Arbeit sehr schön sein kann und es eine Erfahrung ist, die ich keinesfalls missen wollen wĂŒrde.

Im Detail sah mein Alltag meist folgendermaßen aus: Ich bin in eine unserer drei Gruppen gegangen und habe den Tag mit den Leuten der jeweiligen Gruppe verbracht. Die AktivitĂ€ten hĂ€ngen dabei sehr von den jeweiligen Personen ab, da selbsterklĂ€rend jeder anders ist und man nicht mit allen das ein und selbe macht. Manchmal gab es Tage, an denen ich quasi durchgehend gefordert war und viel zu tun hatte – genauso gab es Tage, an denen sehr wenig los war und ich grĂ¶ĂŸtenteils nicht wirklich irgendetwas machen konnte. Allgemein war meine Rolle hier meist nicht besonders groß, das Höchste der GefĂŒhle an Verantwortung war vielleicht mal ab und an eine Stunde mit 10-12 Leuten im Sportraum zu verbringen. In der Regel war ich meist eher in einer unterstĂŒtzenden Rolle fĂŒr meine Kolleginnen, was fĂŒr mich meist auch in Ordnung ging (bin zugegebenermaßen auch kein Meister darin, Initiative zu ergreifen und Verantwortung zu ĂŒbernehmen). Die Sprachbarriere spielt dabei natĂŒrlich auch teils eine Rolle. Ich habe versucht, Ungarisch zu lernen, aber leider bin ich mir immer noch oft nicht sicher, was andere Leute mir sagen. In den meisten FĂ€llen gelingt die Kommunikation zwar ganz gut, aber natĂŒrlich gibt es immer noch Situationen, in denen man an seine Grenzen stĂ¶ĂŸt.

Genauso natĂŒrlich ist es, dass nicht immer zu jedem Zeitpunkt alles nur Friede, Freude, Eierkuchen ist und es wie immer im Leben Auf und Abs gibt – aber das ist ja völlig normal und unabhĂ€ngig davon, ob ich hier arbeite oder woanders. Im Allgemeinen gehe ich aber ehrlich gerne zur Arbeit und freue mich jedes Mal darauf, alle zu sehen. 

Bevor ich hier herkam, wusste ich zwar, dass Caritas existiert und dachte mir, dass es wahrscheinlich eine gute Sache ist. Aber weil ich selber nicht besonders religiös bin, war ich mir auch hierbei nicht komplett sicher, wie das werden wird. Wenn ich jetzt hier sitze und darĂŒber nachdenke, bin ich aber auf jeden Fall super froh, dass ich Teil von Caritas sein konnte. Egal, ob ich an meine Kollegen denke, bei denen ich mich stets willkommen fĂŒhlte und denen ich sehr dankbar bin, oder ob ich an alles darĂŒber hinaus denke, es war stets eine gute Erfahrung: Sei es das Freiwilligenlager in GyergyoszarhĂ©gy, wo ich Anfang Juli war und was ungelogen womöglich die beste Woche war, die ich hier ĂŒberhaupt hatte, seien es die beiden „Teambuildings“ mit dem Großteil der Caritasangestellten aus ganz Transsilvanien, an denen ich sowohl letztes als auch dieses Jahr teilnehmen konnte oder sei es auch einfach nur als ich letztens mal Freunde in KĂ©zdivĂĄsĂĄrhely besuchen war und wir fĂŒr eine Stunde im dortigen CaritasbĂŒro gesessen haben und Tee getrunken haben – ich habe mich immer und ĂŒberall willkommen gefĂŒhlt, was ich sehr wertschĂ€tze. 

Manchmal denke ich auch darĂŒber nach, wie beeindruckend es ist, wie sehr kleine Entscheidungen oder ZufĂ€lle ein Leben prĂ€gen können. Keine Ahnung, wo ich heute stehen wĂŒrde, wĂ€re ich beispielsweise vor knapp zwei Jahren an dem einen Tag in der Schule krank gewesen und daheim geblieben und hĂ€tte so den Flyer, der mich letztendlich hierher gefĂŒhrt hat, niemals erhalten. Aber wenn ich dann daran zurĂŒckdenke, wie ich vor knapp einem Jahr an ebenjenem Bahnhof stand und all dies noch vor mir hatte, bereue ich nichts und denke, dass es richtig war, hier gelandet zu sein und das ist – meiner Ansicht nach – letztendlich doch das Wichtigste.

Priester Martin